Golfen in Afghanistan
TL;DR / Zusammenfassung
Der Kabul Golf Club gilt als einer der außergewöhnlichsten – und gefährlichsten – Golfplätze der Welt: neun Löcher auf Wüstensand, ölgetränkte Grüns, Krater von Raketeneinschlägen statt Bunker und Minenwarnschilder am Fairway. Seine Geschichte reicht von der ersten Golfrunde 1911 über Kriege, einen kommunistischen Putsch und das Taliban-Sportverbot bis zur mühevollen Wiedereröffnung 2004 nach jahrelanger Minenräumung. Getragen wird der Club bis heute im Wesentlichen von einer einzigen Person – Direktor Mohammad Afzal Abdul – und zählt rund 120 Mitglieder: Einheimische, ein Taxifahrer als Clubmeister und westliche Diplomaten, die nur mit Leibwächtern aufs Fairway gehen. Ein Porträt zwischen Sport, Krieg und Diplomatie.
Der folgende Bericht geht auf eine englische Reportage aus dem Jahr 2011 zurück und beschreibt den Kabul Golf Club so, wie er sich damals darstellte. Die Lage in Afghanistan hat sich seither mehrfach grundlegend verändert.
Lage
Rund 10 Kilometer vom Zentrum Kabuls entfernt liegt der Kabul Golf Club. Auf seinem Logo steht das Wort Salam – „Frieden". Ein bemerkenswerter Name für einen Ort, den die meisten mit allem anderen als Frieden verbinden: Erwähnt man Kabul und Afghanistan, denken viele zuerst an ein zerrissenes Land an der Front des weltweiten Konflikts.
Es ist kein üppig grünes, von Bäumen gesäumtes Layout, sondern ein karger, hügeliger Neun-Loch-Platz auf Wüstensand – mit ölgetränkten Grüns. Auch das Clubhaus entspricht nicht dem, was man erwartet: ein baufälliges altes Gebäude, das nach zahlreichen Raketenangriffen umso mitgenommener aussieht.
Die örtlichen Platzregeln erlauben auf dem Fairway die Verwendung eines Tees oder eines Kunstrasenstreifens: „Aufnehmen, abstauben und innerhalb von zwei Schlägerlängen platzieren, aber nicht näher zum Loch." Straffreies Aufnehmen gibt es außerdem aus Baumlöchern, Ameisenlöchern und Gräben. Und einen Freidrop bekommt, wessen Ball in einem Krater liegen bleibt – denn diese Krater sind hier keine natürlichen Senken, sondern Einschläge von Raketen oder Panzerfeuer.
Eine weitere lokale Regel steht auf keiner Scorecard, gilt aber selbstverständlich: Waffen jeglicher Art sind auf dem Golfplatz nicht gestattet.
Geschichte
Der Überlieferung nach wurde Golf in Afghanistan erstmals 1911 unter Emir Habibullah Khan gespielt. Doch wer die Geschichte des Kabul Golf Club studiert, merkt schnell: Sie liest sich wie die keines anderen Sportvereins.
Der Platz wurde 1967 unter der Regentschaft von Mohammed Zahir Shah eröffnet – schon damals mit neun Löchern. Nach dem Sturz des Königs verlegte man ihn 1973 an seinen heutigen Standort; nach dem kommunistischen Staatsstreich von 1978 wurde er vollständig geschlossen. 1993 öffnete er wieder, nur um drei Jahre später erneut zu schließen, als das Taliban-Regime jede Sportausübung verbot.
Nach dem Einmarsch der Koalition 2001 diente das Gelände zunächst als Übungsgebiet zur Beseitigung von Landminen. Bei der späteren Wiederherstellung zu etwas, das einem Golfplatz ähnelte, mussten drei beschädigte sowjetische Panzer und mehrere Raketenwerfer entfernt werden – die Panzer hatten sich tief in die Fairways eingegraben.
Schon Jahre zuvor war der Platz Schauplatz des Krieges gewesen: Die 8. Division der afghanischen Armee lag in einem nahen Tal, und der Golfplatz geriet ins nächtliche Kreuzfeuer zwischen den aus dem Westen vorrückenden Mudschaheddin und den sowjetischen und afghanischen Truppen. 1987 spielte sich in Qargha eine bizarre Golfepisode ab: Regierung und Guerilla vereinbarten informell einen Waffenstillstand, damit westliche Diplomaten aus der Hauptstadt zum Golfspielen anreisen konnten.
2004 wurde der Kabul Golf Club schließlich wiedereröffnet. Der Christian Science Monitor berichtete damals, der abschließende Minenräumprozess sei aus Mitteln des US-Militärs finanziert worden, die eigentlich der Entwaffnung lokaler Kriegsherren dienen sollten – die Gewinne aber landeten ausgerechnet in den Händen eines Warlords, eines Befehlshabers der Nordallianz namens Abdul Rashid. Und kurioserweise trugen weidende Schafherden unwissentlich zur Wiederauferstehung des Platzes bei: Sie brachten gelegentlich Minen zur Explosion.
Spieler
Anfang 2011 besuchten drei Vertreter des Kabul Golf Club die Omega Dubai Desert Classic und gaben einen seltenen Einblick in ihren Verein. Übersehen konnte man sie nicht: Stolz trugen sie Mützen mit der Aufschrift „Kabul Golf Club, Afghanistan", als sie den Emirates Course betraten.
Hashmatullah Sarwery, der Kleinste des Trios, war damals 20 Jahre alt. Er begann mit einem Handicap von 30 und spielte zu jener Zeit bereits eine Acht. Sarwery, im Hauptberuf Taxifahrer in Kabul, war zugleich Clubmeister und hielt den Platzrekord von 70 auf den kombinierten zwei Neuner-Runden (5.522 Meter, Par 72). Trotz seiner Statur fuhr er den Ball nach eigener Aussage 240 bis 260 Meter weit – am stärksten aber war sein kurzes Spiel.
In Dubai erlebten er und seine Begleiter den großen Nervenkitzel: Sie lernten Tiger Woods kennen und ließen sich mit Größen wie Rory McIlroy und Sergio García fotografieren. Woods und McIlroy bekamen ein Hemd und eine Mütze geschenkt – und signierten im Gegenzug ein paar Erinnerungsstücke. Sarwery, der kaum Englisch spricht, war nie ohne seine rote Kabul-Golf-Club-Mütze zu sehen.
Mit ihm reisten Mohammad Omersa, ein 28-Jähriger mit Handicap 16, sowie Mohammad Afzal Abdul, Direktor und Lehrer des Clubs. Ohne Abdul, so viel lässt sich mit Sicherheit sagen, gäbe es den Kabul Golf Club nicht. Seine Beziehung zum Golf begann vor über 50 Jahren: Mit acht Jahren bekam er von einer amerikanischen Botschaft ein 5-Eisen geschenkt. Er fing als Caddy an, wurde rasch zum Caddy-Master befördert und schließlich zum Clubprofi ernannt.
Heute vereint Abdul gleich mehrere Rollen in einer Person: Manager, Barmann und PR-Direktor, dazu Geschirrspüler, Handwerker und Greenkeeper. Er sammelt Spenden, Bälle, T-Shirts und Handschuhe, um die Mitglieder auszustatten – ein umgänglicher Mann mit einem dieser markant gezeichneten Gesichter, der gerade genug Englisch spricht, um durchzukommen.
In einem Land, in dem Fußball und Cricket die wichtigsten Sportarten sind, zählt der Kabul Golf Club rund 120 Mitglieder. Die Mehrheit sind Männer; „Mädchen werden bald in den Club kommen", versprach Abdul damals. Etwa 15 bis 20 Mitglieder sind diplomatische Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern – darunter Australien, die USA und Deutschland –, die in den anhaltenden Konflikt eingebunden sind. Wenn Diplomaten spielen, sind meist ein oder zwei Leibwächter dabei. Es gibt sogar einen Abschnitt, an dem man eine Straße überqueren muss, um das fünfte, sechste und siebte Loch zu erreichen – ein Bereich, der als entführungsgefährdet gilt.
Ein Bekannter, der bei der Desert Classic dabei war, erzählte, er habe während der Turnierwoche mit einem ehemaligen Straßenbauingenieur aus Kabul gesprochen; diesem sei das Spielen auf dem Platz aus eben diesem Grund untersagt worden. Und es war keineswegs ungewöhnlich, dass Abdul US-amerikanische Black-Hawk-Hubschrauber am Club landen sah – mit Personal, das Sportgewehre über der Schulter und Golfschläger in der Hand trug. Die übrigen Mitglieder sind in der Region geborene Afghanen.
Mitgliedschaft
„Diplomatische" Mitglieder zahlen 500 US-Dollar pro Jahr, Familie inklusive, während Einheimische 300 US-Dollar (15.000 Afghani) entrichten. Doch es gibt einen Vorbehalt, wie Abdul erklärte: „Wenn ich weiß, dass es den Einheimischen gut geht und sie Geld haben, berechne ich ihnen 300 US-Dollar pro Jahr. Aber wenn ich weiß, dass sie mit dem Geld kämpfen, ist die Mitgliedschaft kostenlos." Gäste zahlen 20 US-Dollar – und dürfen dafür den ganzen Tag spielen.
Wenn der Konflikt eines Tages vorbei ist, alle Truppen abgezogen sind und man die Straße zum fünften Loch gefahrlos überqueren kann, wäre es schön, den Kabul Golf Club einmal zu spielen – und sei es nur, um Abduls Augen leuchten zu sehen.
Spenden
Der Kabul Golf Club freut sich über jede Spende – Golfschläger, Bälle, T-Shirts, Handschuhe, Mützen, Hemden oder was auch immer sich in eine Schachtel packen und verschicken lässt. Adresse:
Herr Mohammad Afzal Abdul Direktor Kabul Golf Club Bandi Qargha, Kabul Afghanistan
Quellen & Weiterführend
- Kabul Golf Club – The Most Dangerous Golf Course In The World (Bernie McGuire, 2011 – aus dem Englischen übersetzt und redigiert)
- Wikipedia – Kabul Golf Club (EN)
- Kabul Golf Club im Albrecht Golfführer
